Verfasst von: Der Lesepaten-Blog Am: Dezember 2, 2011
Achtung, weiterlesen!
Ein Jahr Lesepatenprojekt in der MI 102 – Bericht eines stillen Dokumentators
Am Anfang war das Wort. – Halt, lieber Leser, wir beziehen uns hier natürlich nicht auf das Buch, pardon, Das Buch, das Buch der Bücher, die Bibel. Um Bücher an sich geht es nämlich doch. Gemeint ist ein anderes Wort, nämlich das vom sogenannten Lesepatenprojekt, welches gleich zu Beginn unserer schulischen Laufbahn an unser aller Ohr drang: „Was mag das sein? Ein Gerücht? Ach, wir lesen mit Kindern an einer Grundschule? Muss das sein? Ja, aber…“ – So oder so ähnlich hat wohl jeder gedacht, als das Lesepatenprojekt zum ersten Mal zur Sprache gebracht wurde. Viel konnte man sich nicht darunter vorstellen, weswegen uns Dominik und Maria aus der MI 82 schnell Klarheit brachten und uns von ihren Erfahrungen als Lesepaten, von der Schule, den Kindern und der ganzen Idee dahinter erzählten – und natürlich von den Erfolgen und dem Spaß, den man als Lesepate zusammen mit den Kindern der ersten, zweiten und dritten Klasse der Kinder an der Mercator-Grundschule hat.
Nach dieser kurzen Einführung entstand schnell Begeisterung in unserer Klasse für das Projekt. Einerseits ist man als FaMI natürlich dem Lesen sowieso niemals, unter keinen Umständen (der Autor möchte das betont wissen) abgeneigt, andererseits stellt das Lesen an sich – nimmt man es genau, war es niemals von der Natur vorgesehen – wohl eine der größten, wenn nicht die größte kulturelle Errungenschaft des Menschen dar. Zuallererst ermöglicht es uns das Erkunden von faszinierenden, weiten, fernen und fremden Welten, es kann die Gedanken sowohl beruhigen als auch anregen, und ohne das geschriebene Wort hätte all das Wissen, über das wir hier und jetzt verfügen, niemals den Weg in das kollektive Bewusstsein der Menschheit gefunden. Lesen in einer Sprache bedeutet, sich mit der Kultur hinter diese Sprache, dem Denken, der Lebensweise auseinanderzusetzen, auseinandersetzen zu müssen. Hier soll es nicht um Integrationspolitik gehen. Lesen ist eine Erweiterung des Horizonts. Und je früher man damit beginnt, desto besser, also auf zur Mercator-Grundschule!
Dort warteten bereits Kinder auf uns, und nach einem entspannten Spiel zum Kennenlernen fanden sich die Lesepartner schnell zusammen. Von Anfang an herrschte eine fröhliche Atmosphäre, die Kinder zeigten keine großen Berührungsängste, oft rannten sie sogar eigenständig auf die FaMIs zu und rasch hatte man sich in eine ruhige Ecke zurückgezogen und lauschte gebannt spannenden Geschichten über Eisbären, die Abenteuer erleben, Leidensgenossen, die keine Hausaufgaben machen wollten und im Laufe der Zeit noch viel, viel mehr. Denn die Schüler der Grundschule entschieden in den folgenden Wochen nach jedem Treffen, wie ihnen die gelesenen Bücher gefallen haben, und so konnte sich jeder Lesepate individuell nach den Vorlieben „seiner Kinder“ einrichten und entsprechende Bücher von zuhause mitbringen oder aus der Schulbibliothek ausleihen. Und sollten die Vorschläge mal auf weniger Gegenliebe gestoßen sein, so suchten sich die Lesepatenkinder ganz selbstbewusst einfach zusammen mit ihren Lesepaten Bücher selber aus.
Doch bei all den spannenden Geschichten, die es zu lesen gibt, ging man natürlich ganz ungezwungen an die Sache heran: So war es kein Problem, wenn sich trotz des sehr gut geführten Bestandes der hauseigenen Schulbibliothek mal kein Buch fand. Oftmals waren Malvorlagen vorhanden, und das gemeinsame Ausmalen von Zeichentrickfiguren hat ebensoviel Spaß gemacht, wie zusammen die vielen Spiele auszuprobieren, die insbesondere von den Erstklässlern besonders gut aufgenommen wurden. Dass es dabei nicht immer nach den Regeln ging, spielte keine Rolle und nicht selten musste der dokumentierende Autor still in sich hinein schmunzeln:
„So, ihr müsst jetzt aus diesen Puzzleteilen Tiere zusammensetzen! Da, ein Hamster, oder eine Maus…“ – „Hier, ich hab eins!“ „Toll! Zeig doch mal her, was für ein Tier hast du denn gefunden?“ – „Eine Flederspinne! – „…?“
Dieser Dialog ist dem Autor ganz deutlich in Erinnerung geblieben, drückt er doch in seinen Augen die Idee und die Einstellung des Lesepatenprojektes aus. Es geht nicht darum, als Unterrichtshilfe zu fungieren, Schülern in einer etwas lockeren Atmosphäre weitere Lesekompetenz zu vermitteln und ihre Leistung zu fördern, es kommt nicht darauf an, wie viele Seiten die Kinder allein fehlerlos lesen können oder ihnen Bücher aufzuzwingen. Leistungsdruck ist im Lesepatenprojekt fehl am Platze. Vielmehr sollte das Projekt als Möglichkeit verstanden werden, als Möglichkeit für die Kinder, dieses Medium kennenzulernen, die Welten zu entdecken, die sich zwischen zwei Buchdeckeln verbergen. Man sollte mit Spaß an die Sache herangehen, denn um nichts anderes sollte es gehen. Lesen lernen die Kinder ganz von allein, und mit Glück nebenbei. Das Projekt hat das Potenzial, den Kindern eine Alternative zu Internet und Fernsehprogramm, einen Rückzugsort nach Sport und Hausaufgaben vorzuschlagen, vielleicht heimlich hoffend, dass sie diesen Vorschlag früher oder später annehmen.
Und wer würde behaupten, dass all die Flederspinnen, die ihm in seinem Leseleben begegnet sind, geschadet haben? Der Autor jedenfalls nicht.